von Thomas Casagrande
Ritter der traurigen Gestalt!
Geistig bis an die Zähne bewaffnet, fuhren wir hochmotiviert zum Tabellenführer der Bezirksoberliga nach Oberursel. Man merkte das Motto uns allen an: Habt Mut zum Kämpfen, habt Mut zum Siegen! Die Ausgangslage war klar: Wir mussten mindestens 5-3 gewinnen, um wieder in die Landesklasse aufzusteigen.
Unser Gegner stellte, bis auf das letzte Brett, eine durchweg blutjunge aber spielstarke Mannschaft. Grover saß einem Jugendlichen gegenüber, der bisher fast alles an Brett 1 abgeräumt hatte. Michael an 2 und Ralph an 3 spielten gegen zwei sehr junge Männer, die uns schon im Pokal begegnet waren und dabei Markus Kania und mir einige Probleme gemacht hatten. Marias und Timos Gegner an 4 und 5 waren Jugendliche, während ich an 6 und Mari an 7 es gar mit Kindern zu tun bekamen. Max spielte am letzten Brett gegen die großväterliche Verstärkung des Oberurseler Jugendteams, den achtzigjährigen hessischen Spitzenspieler Jürgen Haakert.
Nach ungefähr einer Stunde Spielzeit konnten wir optimistisch in die Zukunft schauen. Grover setzte mit Weiß mit seinem geliebten Londoner System seinen Gegner unter Druck. Michael hatte mit Schwarz mit zwei Bauern auf e5 und c5 den weißen Bauern auf d3 festgenagelt und wartete geduldig auf seine Chance. Ralph kam mit seinem geschlossenen Sizilianer langsam zu einem Königsangriff und Maria fühlte sich mit Raumvorteil wenn auch einem isolierten Damenbauern im Caro-Kann sichtlich wohl. Timo spielte recht aggressiv das London System und hatte eine Batterie mit Läufer und Dame auf der Diagonalen c2 – h7 aufgebaut. Meine Versuche mit meinem Gegner, der in der bisherigen Saison fast jede Partie gewonnen hatte, vor dem Spiel mit den Worten „Wir zwei spielen jetzt jung gegen alt“ einen freundlichen Kontakt aufzunehmen, scheiterten an seiner stoischen Schweigsamkeit und regungslosen Mimik. So entwickelte sich auch unsere Partie, still und positionell. Ich war mit meiner Stellung im Caro-Kann zufrieden und wartete geduldig auf eine Ungenauigkeit meines jungen Gegenübers. Mari hatte in der Spanischen Eröffnung mit dem Tausch auf c6 Schwarz einen Doppelbauern verpasst und begann bald die unkoordinierten Figuren ihres neunjährigen Gegners unter Druck zu setzen. Last but not least hielt sich Max tapfer gegen den Altmeister und stand solide und wenig gefährdet.
Der erste Dämpfer war das Remis von Maria. Irgendwie hatte ich und vielleicht auch sie etwas mehr erhofft. Aber machte nichts, denn noch war ja alles in Butter! Kurz darauf gewann Mari souverän ihre Partie. Ihrem Gegner war es nicht mehr gelungen seine Figuren wirksam zu positionieren, sodass mehrere Bauernverluste die Folge waren. Aber der neunjährige Junge ließ es sich nicht nehmen weiterzuspielen bis er mattgesetzt wurde. Aufgeben schien für ihn keine Option.
Fast gleichzeitig endeten dann die Partien von Max Walk und Ralph Ottenburg. Max hatte sich irgendwie auf der Grundreihe einschnüren und etwas unnötig Matt setzen lassen. Jürgen Haakert schien der glückliche Ausgang fast peinlich. Jedenfalls hörte ich ihn mehrmals sagen, wie leid es ihm täte! Ralph hingegen führte seinen Angriff auf den König des Gegners konsequent mit einem schönen Mattbild zu Ende. Inzwischen waren meinem Gegner im Endspiel einige kleinere Ungenauigkeiten unterlaufen und ich konnte die C Linie mit meinen Türmen besetzen und war mir langsam sicher, das Ding nach Hause zu fahren.
Als dann Grover von einer Mehrqualität nicht profitieren konnte, sondern gar in einen Gegenangriff geriet, musste er überraschend die Waffen strecken. Man merkte ihm seine Enttäuschung an. Bitter, aber kein Grund zur Sorge, dachte ich. Michael und Timo standen besser und von meinem vermeintlichen Sieg war ich ähnlich überzeugt, wie Don Quichotte bei seinem Kampf gegen die Windmühlenflügel. Nach einer weiteren Ungenauigkeit meines jungen Gegners springt die Stockfish Bewertung von -1 auf -3,6. Ich hatte meine Rosinante und sechs Bauern gegen einen müden Läufer und vier Bauern und sah zwei deutliche Gewinnwege. Entweder langsam und solide meine Springer zurückziehen und den Vormarsch seiner drei Bauern gegen meine zwei auf dem Damenflügel stoppen oder schnell und sicher noch einen weiteren Bauern auf dem Königsflügel schnappen, um dann zurück zu galoppieren. Gedacht, getan! Ich muss ein unsäglich dummes Gesicht gemacht haben, als mir nach einem weiteren Bauernzug meines Gegners bewusst wurde, dass meine Rosinante auch beim besten Willen es nicht schaffen würde von g5 nach c5 zu springen. Im Blitz hätte ich die Partie wegen eines unmöglichen Zuges verloren. Hier konnte ich nur frustriert aufgeben. 4 Stunden gut gespielt, einmal falsch gedacht und aus die Maus. Zeit für mich mit dem Wettkampfschach aufzuhören, war der einzig vernünftige Gedanke, der mir nach diesem Desaster noch in den Kopf kam.
Dass Michael und Timo verdient ihre Partien gewannen, erfuhr ich dann erst aus dem Internet. Ich hatte mich schon mit dem Fahrrad nach Hause auf den Weg gemacht. Ganz bitter, denn hätte ich die Rosinante gezügelt und gewartet, hätte uns sogar ein Remis zum Aufstieg gereicht. So sind wir punktgleich auf dem zweiten Platz mit einem Brettpunkt weniger gelandet. Sorry Leute, aber blöder habe ich schon lange keine Partie mehr verloren und einen Aufstieg vergeigt!