FTV 1860 III zieht nach reifer Mannschaftsleistung ins Finale ein

von Amir Rezazadeh

Im Viererpokal 2026, der wie gewohnt bei der Schachabteilung des Frankfurter Turnverein 1860 ausgetragen wird, stand das Halbfinale an. Während Bad Homburg I kampflos weiterkam – bei „Brett vorm Kopp“ war nur ein Spieler anwesend – lag der sportliche Schwerpunkt des Abends auf der zweiten Begegnung: FTV 1860 III gegen den SC Bad Nauheim.

Halbfinale: FTV 1860 III – SC Bad Nauheim (02.03.2026)

Der FTV setzte sich am Ende knapp, aber verdient durch: 2,5 : 1,5. Es war ein Wettkampf, der von Konzentration und Positionstreue geprägt war – und davon, dass die Frankfurter an den entscheidenden Stellen die klareren Entscheidungen trafen.

Brett 1: Michael Vishnevetsky – S. Baudrexel (0:1)

Am Spitzenbrett entstand eine Partie von hoher strategischer Dichte. Der Schlüsselimpuls kam früh: Weiß spielte in der Caro-Kann Verteidigung e6 und opferte den Bauern bewusst, um die Entwicklung von Schwarz zu beeinträchtigen und den Gegner in eine Stellung zu zwingen, in der Koordination und Zeit wichtiger sind als Material. Schwarz suchte später Stabilität über …g6 und …Lg7, doch die Stellung blieb anfällig und beengt, da Weiß mit g4 und h4 konsequent Raum gewann und den Königsangriff vorbereitete.

Baudrexel
In dieser kritischen Phase lag eine bemerkenswerte Ressource für Schwarz: das Figurenopfer mit dem Springer auf f6, nach einem späteren Angriff durch den Bauern g5, um die Initiative zu übernehmen und den weißen Angriff nicht nur abzuwehren, sondern umzulenken. Daraus hätte sich eine mobile Bauernkette nach ...0-0 und gxf6 exf6 entwickeln können – h6, g6, f6, Idee e5, d5, c6 – als dynamische Front, die Raum greift, Linien schließt und Gegenspiel erzwingt. Diese Idee ist schwer zu finden, aber strategisch absolut folgerichtig. Die Chance blieb ungenutzt; in der Folge geriet Schwarz Schritt für Schritt in Nachteil und musste die Partie schließlich abgeben. Bedauerlicherweise sind wir hiernach schon früh durch die Berliner Wertung ins Hintertreffen geraten.

Brett 2: Alexander Foermes – V. Volker (1:0)

An Brett zwei wählte Schwarz einen königsindisch anmutenden Aufbau mit Fianchetto am Königsflügel. Weiß entschied sich früh, die zentrale Spannung nicht stehen zu lassen, sondern sie gezielt zu klären – mit dem Bauernabtausch auf e5. Danach folgte der konzeptionell starke Zug Sc4: Der Springer fixierte zentrale Schwächen, setzte d6 unter Druck und nahm zugleich den Bauern auf e5 ins Visier. Schwarz blieb in der Folge passiv und unterentwickelt, während Weiß seine Figuren stringent koordinierte und den Vorteil ohne Hast, aber mit Konsequenz in den vollen Punkt verwandelte.

Brett 3: Nils Philipp – G. Hilbenz (1:0)

Die letzte noch laufende Partie an Brett drei wurde im Endspiel besonders instruktiv – nicht wegen spektakulärer Taktik, sondern wegen sauberer Figurenführung, vorbei an den „feindlichen Figuren“. In der kritischen Stellung stand Schwarz mit König auf b7, Dame auf e6, Läufer auf f6 und Turm auf h8, dazu die Bauern a6, b5, c6 und f7. Weiß verfügte über König b1, Dame b4, Turm d1 und den Läufer e4, flankiert von Bauern, die die eigene Stellung stabil hielten (u. a. a2, b2, c3 sowie der Bauer f3). Weiß hatte hier zwei Möglichkeiten – Dd6 oder Td6 mit forcierter Zugfolge. Da beide Spieler hier noch wenig Bedenkzeit auf der Uhr hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht, aber pragmatisch.

Philipp1
Weiß am Zug, bevor er sich zu Dd6 entscheidet

Das strategische Motiv ist hier zentral: Der schwarze König wirkt nur durch den Bauern c6 halbwegs gedeckt – und genau dieser Bauer wird zum Angelpunkt. Weiß hat die d-Linie unter Kontrolle, und beide weißen Schwerfiguren zielen auf das Einbruchsfeld d6. Die in der Stellung naheliegenden Möglichkeiten – entsprechend auch den Pfeilen – sind:

Dd6: ein Eindringen mit Tempo, das die schwarze Dame auf e6 unmittelbar herausfordert und zugleich den Druck auf c6 erhöht. Fällt c6, öffnet sich die Diagonale des Läufers e4–d5–c6–b7: Aus „Druck“ wird dann sehr schnell „Konsequenz“, weil der König auf b7 plötzlich ohne Schutzschirm steht. Td6: eine Turminvasion in die sechste Reihe, die ebenfalls die schwarze Dame attackiert und Schwarz in eine unbequeme Verteidigungsstellung zwingt, weil sich die Drohungen gegen c6 und die Königsstellung verdichten. Hiernach ergeben sich jedoch Möglichkeiten für den Schwarzspieler, den weißen König mit Schachs herauszulocken.

Philipp1
Forcierte Königswanderung, falls Weiß Td6 gespielt hätte

Nils führte diese Stellung mit bemerkenswerter Klarheit: Er hielt die Figuren maximal aktiv, band die schwarze Dame an Defensive und ließ Schwarz kaum Luft zur Koordination. Er entschied sich für Dd6 Td8 und hiernach das verblüffende Lxc6+ Kb6 Ld7+!!. In der anschließenden Abwicklung – nach der forcierten Sequenz in ein Turmendspiel – zeigte sich die strategische Arbeit in ihrer ganzen Konsequenz: Nils ging mit einem Mehrbauern im Turmendspiel hervor und verwertete diesen Vorteil mit ruhiger Technik zum vollen Punkt.

Brett 4: Robert Fedler – M. Willems (½:½)

An Brett vier entwickelte sich ein strategisch reizvolles Gefecht mit dem Charakter einer Englischen Eröffnung. Weiß baute seinen Raumvorteil am Damenflügel konsequent aus – typischerweise über a3, b4 und c4 – während Schwarz im Gegenzug am Königsflügel mehr Raum beanspruchte und dort seine Perspektiven suchte. Mit der Öffnung der a-Linie verlagerte sich der Schwerpunkt der Partie auf die Schwerfiguren: Es kam zu einem direkten Schlagabtausch der Türme, die Stellung wurde schärfer, zugleich aber auch klarer in ihren Prioritäten. In dieser Phase wirkte die schwarze Dame auf der a-Linie zeitweise wie „alleinstehend“ – gebunden an das Feld a8 –, während die schwarzen Springer eher in die Defensive gedrängt waren und sich nicht frei entfalten konnten.

Fedler

Dennoch fand Schwarz den richtigen Moment zur Vereinfachung und wickelte in ein Leichtfigurenendspiel ab. Dort entstand eine Schlüsselstelle: Nach einem Bauernvorstoß in der Flanke – c5 – erkannte Schwarz in einem entscheidenden Moment eine taktische Ressource und opferte den Springer auf glänzende Weise. Die Abwicklung brachte Schwarz einen Mehrbauern ein und damit objektiv die angenehmere Endspielstruktur. Doch genau hier zeigte sich die feine Endspielrealität: Aufgrund ungleichfarbiger Läufer ließ sich der materielle Vorteil nicht in Gewinnchancen übersetzen, vielmehr war das Remis logisch. Für den Mannschaftskampf war dieses Ergebnis wertvoll – erlangt durch eine kritischer Wendung und technisch sauberer Punktteilung.

Mit 2,5 : 1,5 gewinnt FTV 1860 III das Halbfinale gegen Bad Nauheim und löst das Finalticket. Es war kein gewöhnlicher Sieg eines einzelnen Spielers, sondern der stille Zusammenhalt einer geschlossenen Mannschaft: der präzise Punkt an Brett zwei, der technisch reife Vortrag unter Zeitdruck an Brett drei – und die Haltung, die auch nach dem Dämpfer am Spitzenbrett nicht wankt, sondern trägt. Wie einst ein bekannter Schachspieler sagte, „Keine Partie wurde je durch Aufgeben gewonnen.“ (Tartakower) – und genau mit dieser Haltung hat FTV 1860 III das Finale erreicht.

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